Das passive Lernen
Die Prüfung
war ein Kinderspiel
Als ich vor einigen Jahren ein
neues Gedächtnisseminar im Großraum München hielt, kam ein junger
Student zu mir. Er schwenkte in der Hand eine Portion Blätter, auf denen
mehrere hundert Straßennamen, Plätze, Hotels etc. von München
aufgelistet waren.
»Und wie soll ich das alles
lernen für die Taxifahrerprüfung?« fragte er mich.
»Tja, mit bildhaften Verknüpfungen
müssten Sie da schon etwas geschickter sein, als Sie es nach einem Tag
Einführungs-Seminar sein können«, antwortete ich nachdenklich. »Versuchen
wir es doch einfach mit dem Passiv-Lernen,
das geht oft schneller. Außerdem müssen Sie das ja nur auf den Prüfungstermin
hin können.«
Wir besprachen, dass er sich zunächst einmal den
Stadtplan übers Bett hängen sollte. Dieser war passend zu der Einteilung
seiner Auflistung von Straßennamen in sechs oder acht Bezirke eingeteilt.
So konnte er sie mit bildhafter Vorstellung in wenigen Tagen auswendig im
Kopf unterscheiden. Dann verblieben wir so, dass er sich alle Straßennamen
pro Bezirk auf ein Tonbandgerät aufsprechen und während des Abhörens
gleichzeitig auf dem Blatt mitlesen sollte. Ich war gespannt auf seine
Ergebnisse.
Drei Wochen später erschien der
Student in einem Oberstufenseminar und berichtete mir freudestrahlend von
der bestandenen Taxifahrerprüfung. »17 Bewerber waren da, 12 haben nur
bestanden, und ich war dabei«, erklärte er stolz. »Da waren
alteingesessene Münchner, die sagten, "die Straßen von München
kenne ich" und trotzdem nicht bestanden.«
Ich forschte sofort nach, wie
der Student weiter vorgegangen war. Er berichtete: »Ich habe nach zwei
Stunden alle Straßen, Plätze und Hotels auf Tonband aufgesprochen. Alle
acht Bezirke. Dann habe ich mich einfach jeden Tag zwei Stunden früher »schlafen
gelegt«, mich entspannt, das Tonband eingeschaltet und beim Klang meiner
eigenen Stimme die Blätter mitgelesen. Jedes Mal, wenn eine neue
Bezirkseinteilung kam, schaute ich kurz auf die an der Wand hängende
Karte hoch und ließ mich berieseln, während ich mit den Augen den Zeilen
folgte.
Die letzten vier Tage vor der Prüfung
habe ich die ganze Prozedur morgens noch einmal gemacht. Und am Tag der Prüfung
habe ich mich gut ausgeruht und bin Paddelboot gefahren, wie Sie es im
Seminar empfohlen haben. Hurra, ich habe bestanden
und dies, obwohl ich kein besonders guter Lerner bin.«
Fazit:
Wandeln Sie das Beispiel des fröhlichen TaxifahrerStudenten
auf eine Lernsituation in Ihrem täglichen Aufgabenbereich um.
Sie können auf Band nicht nur
Vokabeln, sondern grundsätzlich alles aufsprechen: Formeln, Mathematik,
eine Rede, Argumente und wichtiges Gelesenes.
Achten Sie bei Texten darauf,
vorher alle Fremdwörter mit einem Filzstift anzustreichen und dann diese
Fremdwörter im Lexikon nachzuschlagen. Jetzt sprechen Sie sich die Fremdwörter
mit der erklärenden Bedeutung zuerst alle auf Band. Das ist wie ein
vorangehendes Vokabellernen. Und dann erst sprechen Sie sich den Text auf.
So können Sie alles lückenlos verstehen und
deshalb wesentlich leichter und einprägsamer lernen, als wenn Sie es
aufgrund der unverstandenen Fremdwörter nicht recht begreifen würden.
Unterschätzen Sie diesen Punkt
nicht.
Verstehen
ist wichtiger als Wissen.
Verstehen
ist Voraussetzung zum Anwenden.